Von Singen bis Verden: Schwärme und Rekorderdbeben

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Welche Ursachen haben Erdbeben in Deutschland? Eine Frage, die sich meist eindeutig beantworten lässt. So sind es außerhalb der „klassischen“ Erdbebengebiete (Rheingraben, Schwäbische Alb, Vogtland) vor allem menschliche Aktivitäten, die zu Erdbeben führen. Der Bergbau im Ruhrgebiet und in Thüringen, die Erdgasförderung in Niedersachsen und das Geothermiekraftwerk Insheim sind prominente Beispiele.
Im Jahr 2016 war die Erdbebenaktivität in Deutschland vergleichsweise hoch. Besonders die Herbstmonate waren wohl die aktivsten seit Jahren. Dabei waren es nur selten die klassischen Erdbebengebiete, die ungewöhnlich hohe Aktivität aufwiesen. Größere Schäden traten dabei nicht auf. Doch machte sich teils eine gewisse Unruhe unter den Bewohnern der betroffenen Städte breit. Wo es gebebt hat, was die Ursachen sind, und welche Erdbeben des Jahres so schnell nicht wieder vergessen werden: Der Jahresrückblick 2016.

Spürbare Erdbeben in Deutschland 2016 Rote Flächen: Schüttergebiete spürbarer Erdbeben in D; Rot transparent: Schüttergebiete spürbarer Erdbeben im Ausland, die bis Deutschland reichten

 Inhaltsverzeichnis

 Das Jahr in Zahlen

In die Zählung fließen alle tektonischen Erdbeben in Deutschland ab Magnitude 1.0, induzierte Erdbeben ab Magnitude 1.0, bergbauinduzierte Erdbeben im Ruhrgebiet ab Magnitude 2.0 und Erdbeben im Ausland, die in Deutschland spürbar waren, ein. Nach aktuellem Stand wurden von den Erdbebendiensten insgesamt 297 solcher Erdbeben registriert. Davon waren 225 tektonischen und 52 anthropogenen Ursprungs. Im Vorjahr waren es nur 247, im Jahr 2014 267 Erdbeben. Von den Beben im Jahr 2016 waren mindestens 49 spürbar, dazu gehören sechs Erdbeben im Ausland. In mindestens sieben Fällen kam es durch die Erdbeben zu kleineren Schäden.
Der Großteil der Erdbeben wurde in Baden-Württemberg verzeichnet, welches fast immer das Bundesland mit den meisten ist. Doch auch in NRW, Sachsen, Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz kam es zu Erdbeben mit regionaler Bedeutung. Besonders ein Erdbebenschwarm war für die hohe Bebenzahl verantwortlich und erregte auch überregionales Interesse. Mehr dazu in den Details der einzelnen Bundesländern.

Nordrhein-Westfalen: Rekord im Ruhrgebiet – Überraschung im Eggegebirge

„28.05.2016, 5:37 Uhr. Durch heftige Bewegung des Hauses geweckt worden, Gläser und Geschirr haben laut geklirrt. Der Hund ist wach geworden und hat sich ängstlich verkrochen.“

Bottrop-Kirchhellen, am 28. Mai 2016

Der Bergbau im Ruhrgebiet läuft noch bis zum Jahr 2018. Die letzte aktive Zeche, das Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop, läuft somit im Endspurt. Dies hat sich in der ersten Jahreshälfte auch deutlich in der seismischen Aktivität wiedergespiegelt.

Bergbauinduzierte Erdbeben gibt es im Ruhrgebiet seit über einem Jahrhundert. Größere, die über die Stadtgrenzen hinaus spürbar sind, alle paar Jahre. Während es in den Vorjahren überwiegend die inzwischen stillgelegten Bergwerke Auguste Victoria, West und Ost betraf, kam es 2016 an Prosper-Haniel zu einem der stärksten Beben in der Geschichte des Bergwerks. Neben Bottrop und Oberhausen waren auch Dorsten, Gelsenkirchen, Essen und Wesel am 28. Mai von den Auswirkungen betroffen. Mit Magnitude 3.3 war das Beben dennoch schwächer als vergleichbare, die zum Ende des Bergwerks Auguste Victoria in Haltern aufgezeichnet wurden. Dennoch war es deutschlandweit das stärkste Erdbeben in diesem Jahr und es kam an mehreren Gebäuden in Bottrop und Hünxe zu kleineren Schäden. Insgesamt kam es rund um die Kirchhellener Heide zu 22 induzierten Beben über Stärke 2. Neben dem Beben im Mai, das Intensität V erreichte, wurden Beben am 8. März (M2.9, Intensität IV), 1. Februar (M2.4, Intensität IV) und am 25. Februar (M2.7, Intensität III bis IV) deutlich verspürt. Nach dem Mai-Beben ging die Aktivität deutlich zurück. Das letzte größere (M2.0) gab es am 9. Juli.

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Die andere Bergbauregion, Ibbenbüren, verzeichnete normale Aktivität, mit nur einem Erdbeben mit M2.0.

Die wohl größte Überraschung im Land (vielleicht sogar in ganz Deutschland) gab es jedoch im seismisch eigentlich nahezu inaktiven Ostwestfalen am 26. Juli. In den Ausläufern des Eggegebirges am südöstlichen Rand von Paderborn verzeichneten Erdbebendienste ein kleines Erdbeben, wie erst Wochen später bekannt wurde. Durch die wenigen Messtationen in der näheren Umgebung gibt es noch immer große Unsicherheiten bei der Magnitude. Die Spanne der Angaben reicht von 1.5 (GDN) über 2.2 (RUB) bis 2.8 (BGR). Unabhängig davon ist nicht bekannt, ob dieses Erdbeben verspürt wurde. Es ist überhaupt erst das zweite Erdbeben, das jemals rund um Paderborn verzeichnet wurde.

Dahingegend zeigte sich der Niederrheingraben mal wieder von seiner ruhigeren Seite, wobei es nach mehreren Jahren mal wieder ein kleineres Lebenszeichen gab. Insgesamt 24 mal bebte es zwischen Rhein und Aachen, damit dreimal häufiger als im Vorjahr. Dabei war die Aktivität im Jahresverlauf ansteigend mit 13 Beben allein in November und Dezember. Hinzu kommen zwei nicht spürbare Beben durch den Braunkohletagebau. Das mit Abstand größte Erdbeben mit M2.8 ereignete sich am 4. November bei Nörvenich im Landkreis Düren. Aufgrund der typischen Tiefe von rund 15 Kilometern war das Beben nur schwach, aber auch an entfernteren Orten wie Stolberg und Niddegen spürbar (Intensität II).
Ebenfalls Magnitude 2 erreichten Beben am 2. Juni in Eschweiler (M2.2) und am 26. Dezember in Euskirchen (M2.1). Letzteres wurde von einzelnen Personen verspürt. Wie auch im vergangenen Jahr war Düren mit 10 Beben der aktivste Landkreis.

Spürbare Erdbeben in NRW 2016; Rote Flächen: Schüttergebiete spürbarer Erdbeben

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Jens Skapski

Jens ist 23, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.