Die Erdbebengeschichte der Nordsee

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Viele Menschen waren überrascht, als sich am 3. Januar ein kleineres Erdbeben vor der Nordseeküste Englands ereignet hat. Auch wenn es an der Küste nur sehr vereinzelt verspürt wurde, da das Epizentrum weit vor der Insel an der Doggerbank lag hat es besonders in den britischen Medien Aufmerksamkeit erhalten. Einige sprechen fälschlicherweise sogar vom stärksten Erdbeben Englands seit einem Jahrzehnt. Warum dieses Erdbeben garnicht so ungewöhnlich war und welches Risiko sich in den seichten Tiefen der Nordsee verbirgt.

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Nordwesteuropa gehört im globalen Vergleich zu den Regionen mit einer niedrigen Erdbebenaktivität. Niedrig heißt aber nicht, dass starke oder sogar schwere Erdbeben mit Magnitude 6 oder mehr unmöglich sind. Gerade die Nordsee gehört zu den Regionen, die sich ein wenig von der Umgebung abgeben. Doch muss man angesichts der Größe des Schlefmeeres ein wenig differenzieren.
Tektonisch gesehen ist in den allermeisten Meeresgebieten nicht mehr viel los. Doch gibt es fast überall (überwiegend) ältere Grabensysteme, zu deren bekanntesten Vertretern der Viking-Graben vor der norwegischen Küste gehört. Genau wie der Zentralgraben, der die Nordsee von Nord nach Süd durchzieht, wurde er im Mesozoikum angelegt und gehört zu einem eingeschlafenen Riftsystem, dessen Entstehung ähnlich wie der Mittelatlantische Rücken mit vulkanischer Aktivität assoziiert ist.

Die Küsten der Nordsee werden nur selten mit Erdbeben in Verbindung gebracht. Vergangene Ereignisse beweisen das Gegenteil. (Foto Strand von Helgoland, Connys Reiseblog)

Die heute seismisch aktiven Gebiete der Nordsee liegen überwiegend vor der Nordostküste Englands, vor der norwegischen und der dänischen Küste. Mit den Ausläufern des Niederrheingrabens findet sich im Süden in der niederländisch-belgischen Küstenregion ein rezent aktives Grabensysten. Dieses war im 16. Jahrhundert Schauplatz eines der größten Nordsee-Erdbeben. Benannt nach der englischen Hafenstadt zerstörte das Dover-Beben sowohl im Süden Englands als auch im gegenüberliegenden Frankreich zahlreiche Gebäude. Selbst in London kam es zu Schäden. Die Auswirkungen des Bebens waren bis nach Schottland und Westdeutschland zu spüren. Magnitude 5.5 wird für dieses Ereignis geschätzt.
Über historische Erdbeben im zentralen Teil der Nordsee ist wenig bis garnichts bekannt. Erst seit den 1970er Jahren gibt es eine permanente seismische Überwachung für die gesamte Nordsee, sodass alle Erdbeben erfasst werden können. So gibt es von früheren Erdbeben nur Aufzeichnungen, wenn diese noch bis an die Küsten verspürt wurden. Berichte kommen dabei neben England vor allem aus dem Norden von Dänemark, wo im 18. und 19. Jahrhundert mindestens fünf Erdbeben auftraten, deren Magnitude auf über 4.0 geschätzt wird.
Deutlich mehr Erdbeben sind von der norwegischen Küste bekannt, wo es auch in neuerer Zeit viele Erdbeben gegeben hat. Ereignisse über Magnitude 4 sind unter anderem aus den Jahren 1982, 1991, 1993 und 2000 bekannt. Zu größeren Auswirkungen auf die Küstengebiete kam es aber nicht.
Ebenfalls vier Erdbeben dieser Größenordnung sind aus dem Skagerrak, bzw. vor der dänischen Westküste bekannt. Das jüngste Erdbeben im Jahr 2010, das mit M4.8 eines der stärksten bekannten Beben ist, wurde in weiten Teilen von Dänemark verspürt.

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Vermutungen, die Erdölförderung in der östlichen Nordsee könne einen Effekt auf die regionale Erdbebenaktivität haben, konnten bisher nicht bestätigt werden.

Das stärkste bekannte Erdbeben mit Epizentrum in der Nordsee traf wiederum vor allem die englischen Küsten. Im Jahr 1931 erschütterte das Doggerbank Erdbeben weite Teile der britischen Inseln und Nordwesteuropas. Es wird auf Magnitude 6.1 geschätzt und verursachte zahlreiche Schäden in England. Auch ein kleiner Tsunami folgte. Die Erschütterungen waren auch in Teilen von Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Dänemark und Norwegen zu spüren.

Zu den Gebieten mit wenig bekannter seismischer Aktivität zählt die deutsche Bucht und die Küstengebiete von Friesland. Aus Überlieferungen gibt es jedoch starke Hinweise auf ein Erdbeben im Jahr 1225 nahe der niederländischen Insel Schiermonnikoog. Dieses sei auf dem Festland an verschiedenen Orten stark verspürt worden und habe in einigen Klöstern zu schweren Schäden geführt. Nach Schätzungen müsse sich dieses Erdbeben auf mindestens Magnitude 4.5 belaufen haben, doch fehlt es hier an Informationen, um genaueres zu sagen.

Entfernt man sich vom Kontinent und nähert sich den Tiefen des Atlantiks an, so stößt man auf Spuren von möglicherweise noch größeren Erdbeben, die in historischer und prähistorischer Zeit Nordwesteuropa erschüttert haben könnten. In den vergangenen Jahren gab es viele Studien zu dem Thema, ob es am europäischen Kontinentalhang vor der Küste Norwegens und Schottlands, dort wo die Nordsee in den Nordatlantik übergeht, schwere Erdbeben gegeben haben könnte. Ein solches Beben wurde in jüngerer Zeit unter anderen vor der Küste von Kanada registriert. Das Great Banks Erdbeben im Jahr 1929 erreichte Magnitude 7.2.

 

Hinweise auf ähnlich starke Beben vor den nordeuropäischen Küsten gibt es ebenfalls. Unter anderem in Form zahlreicher untermeerischer Hangrutschungen vor der Norwegischen Küste. Deren bekanntester Vertreter, das Storegga Ereignis vor rund 8000 Jahren, steht besonders im Fokus. Laut Modellrechnungen könnte ein Beben der Stärke 7 diese gewaltige Rutschung, der ein massiver Tsunami folgte, ausgelöst haben. Eindeutige Beweise gibt es allerdings nicht.
Deutliche Hinweise sind ebenfalls zwischen den Färöers und den Shetland-Inseln zu finden. Dortige Strukturen am Meeresgrund stammen wahrscheinlich von einem massiven Erdbeben vor rund 25.000 Jahren.

Bekannte und vermutete starke Erdbeben im Nordseeumfeld in Historischer Zeit

Doch auch in historischer Zeit könnte es ein solch gewaltiges Ereignis gegeben haben. Im Verdacht steht ein Erdbeben im Jahr 1508, das schon länger bekannt ist und in weiten Teilen der britischen Insel verspürt wurde. Was bisher fehlt ist allerdings ein Epizentrum. Beben, die über so große Flächen zu spüren sind, haben meist eine hohe Magnitude und gehen entsprechend mit Schäden einher. Da auf den britischen Inseln keine solche Epizentralregion mit massiven Erdbebenschäden zu lokalisieren war, deutet es auf ein Offshore Ereignis vor der Schottischen Küste hin. In diesem Fall müsste es deutlich stärker als Magnitude 6 gewesen sein.

Die Nordsee, eher bekannt durch Sturmfluten als durch Tsunamis, blickt also auf eine seismisch recht aktive Vergangenheit zurück, über die leider noch viel zu wenig bekannt ist. Wie in vielen Orten der Welt ist auch hier die Zeit zwischen zwei starken Erdbeben lokal sehr groß. Das heißt, dass es an Stellen, die wir als seismisch inaktiv kennen, vor vielen Jahrtausenden ein großes Erdbeben gegeben haben könnte, von dem wir nichts wissen und in Zukunft eine böse Überraschung erleben können.
Gut für die deutschen Küsten: Erdbeben zwischen Sylt und Borkum waren bisher die große Ausnahme. Aus dem Umfeld von Helgoland sind einzelne kleine Beben bekannt, die bisher nicht nachweislich verspürt wurden. Anders ein Beben in Bremerhaven im Jahr 2005, das aber wahrscheinlich auf eine einstürzende Doline zurückzuführen ist (so wie mehrere Beben in der Geschichte Hamburgs). Sollte es doch einmal wackeln, wird die Quelle wohl auf der anderen Seite der Nordsee liegen. Ein geringes Risiko geht von möglichen Tsunamis aus. Doch viele Modelle gehen bisher davon aus, dass selbst bei Ereignissen des Storegga-Ausmaßes die deutschen Küsten sehr glimpflich davon kommen werden.

 

Weitere Informationen
http://nora.nerc.ac.uk/5356/1/Musson_OffshoreM7_revised.pdf
https://www.noorderbreedte.nl/2001/04/01/de-kroniek-van-emo-en-menko-rampspoed-en-ellende/
http://mapapps.bgs.ac.uk/geologyofbritain/home.html?mode=earthquakes
http://www.hse.gov.uk/research/othpdf/200-399/oth323.pdf


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Jens Skapski

Jens ist 22, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

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